Hamzeh Alderi und Uwe Koch sind das Tandem des Monats Januar 2020 bei der Aktion zusammen wachsen.

Den Beitrag finden Sie auf der Website der aktion zusammen wachsen.

Foto: AWO Projekt PIDES

Uwe Koch (77), ist ehrenamtlicher Mentor des Projektes PIDES „Senioren-Mentoring für den Berufseinstieg“ der Arbeiterwohlfahrt Regionalverband Rhein-Erft & Euskirchen e. V. Er betreut Hamzeh Alderi (22), der als minderjähriger Jugendlicher aus Syrien geflohenen ist. Sie berichten über Ihre Erfahrungen als Tandem.

Uwe Koch: Hamzeh ist 2015 alleine im Alter von 17 Jahren aus Syrien geflohen, er musste seine Eltern und seine Familie mit zehn Geschwistern zurücklassen. An dem furchtbaren Bürgerkrieg und der daraus resultierenden Massenflucht hat sich bis heute nichts geändert. Ich habe Hamzeh im August 2016 kennengelernt und ihn von da an engmaschig betreut. Er ist ein gebildeter, kultivierter junger Mann, der mit einem gültigen, hier anerkannten Abiturzeugnis und allen Papieren zu uns gekommen ist. Wir haben viel Deutsch geübt, aber auch über unzählige Fragen, wie das Leben in Deutschland funktioniert, intensiv gesprochen.

Hamzeh will viel erreichen, gegebenenfalls Medizin studieren. Seine Fortschritte in Deutsch und seine rasante Integration waren eine wahre Freude. Nach monatelangen Diskussionen hat er sich entschieden, zunächst eine Ausbildung als Krankenpfleger zu machen. Ich habe ihm die Türen für eine erfolgreiche Bewerbung in einem Krankenhaus geöffnet. Er machte ein Praktikum mit großem Erfolg, so dass er zügig die Zusage für einen Ausbildungsplatz mit einer kleinen Wohnung erhielt. Aktuell ist Hamzeh schon im dritten Ausbildungsjahr. Er spricht sehr gut Deutsch und lernt so fleißig, dass seine Klausuren sowie die Zwischenprüfung in dieser schweren Ausbildung immer eine eins oder zwei werden! Er wird sein staatliches Examen am 30.09.2020 ablegen. Obwohl er wirklich gut verdient, jobbt er hin und wieder zusätzlich in Altenheimen, um seine Eltern in Syrien zu unterstützen.

Seine empathische und hilfsbereite Art macht ihn zu einem beliebten Mitarbeiter im Krankenhaus und er hat sogar mindestens drei weitere syrische junge Männer für diesen Beruf begeistert. Trotzdem holen ihn die traumatischen Erlebnisse aus der Vergangenheit immer wieder ein. Er hat Schuldgefühle seinen Eltern gegenüber, obwohl er regelmäßig mit ihnen telefoniert und sie finanziell unterstützt. Die Beziehung zu mir ist sehr vertrauensvoll, so dass er mir alles sagen kann und ich ihm auch in schwierigen Momenten beistehen kann. Ich werde einen engen Kontakt zu Hamzeh halten, mindestens bis er seine Ausbildung abgeschlossen hat.

 

Wie haben Sie sich kennen gelernt?

Hamzeh: Durch die Vermittlung der Arbeiterwohlfahrt Euskirchen.

 

Was machen Sie während der Treffen?

Uwe Koch: Am Anfang haben wir nur Deutsch geübt, wir haben gesprochen, gelesen und fast täglich abends über WhatsApp gechattet. Wir haben über das Leben in Deutschland mit seinen Eigenheiten, Berufs-Chancen, Bräuchen, Redewendungen, Verhalten der Geschlechter untereinander usw. diskutiert.

Hamzeh: Ich war froh, dass ich bei meinem ersten Arztbesuch von Uwe begleitet wurde. Genauso hatte ich Hilfe beim Antrag für ein Führungszeugnis, beim Umgang mit der Sparkasse und immer wieder neuen bürokratischen Hürden. Wir sind zusammen einkaufen gegangen, haben zusammen meine erste Steuererklärung gemacht usw.

Uwe Koch: Kleine und große Erfolge haben wir öfters gefeiert, indem wir in einem Café oder Restaurant gegessen haben. Am Ende des ersten Jahres als Tandem haben wir ein kleines Fotobuch zur Erinnerung gestaltet, das Hamzeh auch seiner Familie geschickt hat.

 

Wie oft treffen Sie sich?

Hamzeh: Einmal pro Woche für mehrere Stunden.

 

Was ist das Ziel der Patenschaft?

Hamzeh: In erster Linie, dass ich mich gut in Deutschland integrieren kann. Der erfolgreiche Abschluss der Ausbildung und die Sicherstellung meines Bleiberechts in Deutschland.

 

Warum wollten Sie eine Patenschaft eingehen?

Hamzeh: Ich brauchte dringend Hilfe und Beratung bei meiner beruflichen Entwicklung. Ich hatte zwar gute schulische Voraussetzungen, aber nicht die geringste Ahnung, welchen Weg ich einschlagen sollte.

Uwe Koch: Ich wollte nach meiner Berufstätigkeit etwas Sinnvolles machen und meine Lebenserfahrungen an junge Menschen weitergeben.

 

Was macht Spaß an den gemeinsamen Unternehmungen?

Uwe Koch: Das Erreichen der gesteckten Ziele, die vielen freundschaftlichen Begegnungen und Einblicke in eine fremde Kultur. Zweimal hat Hamzeh ein tolles syrisches Essen gekocht, wenn ein wichtiges Ziel erreicht wurde.

Hamzeh: Ich habe mich immer gefreut, wenn wir uns getroffen haben. Obwohl wir intensiv gearbeitet haben, waren es schöne entspannte Stunden. Uwe hat es geschafft, dass ich nie mein Ziel aus den Augen verloren habe.

 

Was lernt man von einander?

Hamzeh: Wie lebt man in Deutschland, worauf muss ich besonders achten, was kann ich von der deutschen Kultur übernehmen?

Uwe Koch: Interessante Einblicke in die arabische Kultur, z. B. der Umgang miteinander in den arabischen Familien, die Ehrlichkeit und Gastfreundschaft.

 

Welche Herausforderungen haben Sie gemeistert?

Uwe Koch: Zunächst haben wir gemeinsam den Antrag auf Asyl beim zuständigen Bundesamt BAMF

gestellt. Ich habe Hamzeh sowohl zu einer Rechtsanwältin als auch zur Anhörung beim BAMF begleitet. Danach folgten die Ablehnung und der Rechtstreit mit dem BAMF. Aus der Ablehnung wurde dann der sogenannte subsidiäre Schutz für syrische Geflüchtete. Die nächste Hürde war die Suche einem passenden Praktikum zur Erlangung einer Ausbildung.

 

Was war das bisherige Highlight in der Patenschaft?

Hamzeh: Die Erreichung meines Zieles: der Abschluss eines Ausbildungsvertrages als „Gesundheits- und Krankenpfleger“ und meine bis heute sehr guten Leistungen in dieser Ausbildung. Meine finanzielle Unabhängigkeit seit Juli 2017, da ich genug verdiene, um meinen Lebensunterhalt alleine zu bestreiten. Ich habe es geschafft, ein Netzwerk von guten sozialen Kontakten aufzubauen und kann mein Leben in Deutschland weitgehend selbständig führen.

 

Wie reagiert das Umfeld auf die Patenschaft?

Hamzeh: Meine Familie, die Kollegen und Freunde reagieren sehr positiv und beglückwünschen mich, dass ich diese Hilfe habe. Andererseits sind aber auch andere Geflüchtete, die ich gut kenne, etwas neidisch, weil sie weniger unterstützt werden als ich.

Uwe Koch: Ein Großteil aus dem Familien-und Bekanntenkreis bewundert meinen Einsatz; sie sagen aber oft, dass sie so etwas niemals machen könnten. Es gibt auch Leute in meinem Umfeld, die wegen vieler Vorurteile den Geflüchteten gegenüber leider wenig Verständnis für meinen ehrenamtlichen Einsatz für diese Menschen haben. Da ich jede Art von Rassismus zutiefst verurteile, setze ich mich gerne für junge Menschen ein, egal aus welcher Kultur sie stammen.